Tag 17 – Von Taschkent in die kasachische Steppe

Heute morgen muss der Apotheker wieder ran. Zwei Jungs haben seit gestern Durchfall, einer Husten und Schnupfen. Zum Glück habe ich in der Reiseapotheke alles Erdenkliche mit dabei. Das Frühstück fällt für Cord und Josch weitgehend aus – Carsten und ich essen dafür umsomehr von dem lokalen, wunderbar hergerichteten Buffet.
Vor der Abfahrt muss bei Bonnie noch ein Reifen gewechselt werden, eine dicke Schraube steckt tief in der Decke. Nach 9.500 Kilometern ist es erstaunlicherweise der erste kaputte Pneu.
Wir verlassen Taschkent in Richtung Nordosten, um schnell an die wenige Kilometer entfernte kasachische Grenze zu kommen. Die Grenzformalitäten sind diesmal einigermaßen schnell erledigt. Auf der usbekischen Seite will niemand die eigentlich geforderten Registrierungen sehen, die wir bei jeder Übernachtung abgestempelt bekommen haben. Ein Blick in’s Auto, ein Stempel in den Pass und weiter. Auf der kasachischen Seite müssen wir zwar fünf Stationen ablaufen, aber auch hier wandern alle notwendigen Stempel schnell auf die auszufüllenden Papiere. Am späten Vormittag liegt dann die unendliche Weite der kasachischen Steppe vor uns. Eigentlich hatten wir weiter öde Landschaft erwartet. Weit gefehlt, hier wird intensiv Landwirtschaft betrieben. In großem Stil wird hier Getreide angebaut, die riesigen abgeernteten Stoppelfelder verlieren sich im Dunst der am Horizont liegenden Hügel.
Wir passieren Schymkent und die Landschaft ändert sich. Zu unserer rechten türmen sich die ersten Bergketten, die schon auf der kirgisischen Seite liegen. Links von uns liegt flaches Ackerland, auf dem im großen Stil Zwiebeln angebaut werden. Wir sehen Kolonnen von Feldarbeitern, die die Feldfrüchte mit der Hand auflesen und in unendlich viele rote Säcke verpacken. Auch das Strassenbild ändert sich: Exzellente Teerdecke mit drei breiten Fahrstreifen je Richtung. Neben dieser Autobahn, die besser ist als bei uns zu Haus, liegt eine dicke, neue Eisenbahntrasse. Das ist sie, die Neue Seidenstrasse, die den Westen Chinas und Zentralasien mit Vorderasien und Europa verbinden wird. Hier etwas mehr Hintergrund zu diesem Vorhaben. Entlang der Strasse entsteht parallel die erste Sekundär-Infrastruktur, der Bau eines nach westlichem Stil entworfenen ‚Silk Road Motel‘ ist kurz vor der Fertigstellung. Zeuge einer gerade beginnenden neuen Epoche, die diese Gegend wohl nachhaltig verändern wird.
Weit in der Steppe sehen wir große Staubwolken, die sich beim Näherkommen als riesige Schafherden und – besonders schön anzusehen – als vielköpfige Herde freilaufender Pferde entpuppen.
Leider verleitet die gut ausgebaute Strecke auch zum Schnellfahren – wir werden geblitzt. Großer Mist, denn diesmal waren wir reichlich zu schnell. Der Peterwagen läßt seine Lichtbatterie aufleuchten und bringt unsere Fahrt jäh zum Stoppen. Angeblich waren wir mit 92 km/h statt mit 50 km/h unterwegs; irgendwo auf der Strecke hätte man uns von hinten fotografiert. Jetzt ist guter Rat teuer, denn wir sollen 400$ Strafe bezahlen, sonst würden wir nirgends mehr hinfahren. Oh je, was nun, soviele Westtaler haben wir im Leben nicht mehr. Dumm stellen hilft auch nicht, mit google translate macht uns der Schutzmann den Ernst der Lage klar. Nach einigem Hin und Her kratzen wir unsere letzte westliche Devisenreserve zusammen – für umgerechnet 240$ dürfen wir dann schließlich doch weiterreisen. „We respect you – and please respect our traffic rules“ übersetzt google noch zum Abschied. Demütig halten wir uns an diese Empfehlung.
Durch diese ‚Begebenheit‘ haben ist leider soviel Zeit verloren gegangen, dass wir den Grenzübertritt nach Kirgisistan heute leider nicht mehr schaffen. Wir fahren deshalb nur bis zum letzen Ort vor der Grenze – Merke. Heute soll es auf jeden Fall eine Nacht im Zelt sein, am besten in der Steppe, Richtung der kirgisischen Bergkette.
Der Supermarkt am Ort bietet Brot und Bier, sogar mit Kreditkarte zu bezahlen, aber leider kein Grillfleisch. Ein Schlachter muss her – aber wo finden, in der Dämmerung ohne kyrillische Schriftkenntnisse? Wie immer hilft Freund Zufall weiter. Bei Herumsuchen spricht uns ein einheimischer Kasache an, der einen dicken 12-Zylinder-Benz fährt, und fragt nach unserem Begehr. Über google translate mache ich unser Anliegen klar: Grillfleisch. Er lächelt breit und begleitet uns mit seinem Luxusschlitten zu einem unbeleuchteten Haus, wo er energisch am Tor klopft. Es erscheint ein Kopf, dem er auf russisch wohl klar macht, dass es hier um Leben und Tod geht. Kurze Zeit später geht das Licht an und eine Tür auf – wir stehen in einer winzigen Schlachterei, deren Inhaber ein riesiges Stück vom Rind aus einem altmodischen Kühlgerät wuchtet. Für 25 Dollar wäre der 20 Kilo schwere Fleischberg unser. Nur mit Mühe kann ich ihm erklären, dass nur sechs zarte Scheiben davon den Besitzer wechseln sollen. Für 10$ bekommen wir schließlich sechs tellergroße, überdaumendicke Rindersteaks vom Feinsten in die Tüte. Verhungern ausgeschlossen.
Bestens ausgerüstet suchen wir uns in der Finsternis weit oberhalb des Ortes in der Steppe einen passenden Zeltplatz. Schnell noch den Grill an den Kuhfänger gebastelt und schon brutzeln die ersten beiden Steaks über den glühenden Kohlen. Was für ein Genuß, was für eine Atmosphäre. Unter dem wolkenlosen Himmel der weiten Steppe genießen wir im Schein des untergehenden Mondes eine herrliche Mahlzeit. Das ganze Firmament ist bis zum Horizont herunter voller Sterne und das Band der Milchstrasse leuchtet matt am Himmel. Weit in der Ferne sehen wir ein großes Feuer rot leuchten. Die Bauern brennen hier häufig ihre Stoppelfelder ab. Schon den Tag über hing an vielen Stellen ein beißender Brandgeruch in der Luft.
Nach Mitternacht musizieren uns hunderte Grillen mit ihrem heimeligen Lied in einen tiefen Schlaf. Besser geht es nicht.

Bonnie&Clyde: An Teilen der Dachbox haben wir unterwegs alle Schrauben verloren, der erste Reifen ist kaputt
Stimmung im Team: Genießen einen atemberaubenden Abend
Kilometer: 610
Wetter: Tagsüber trocken-heiß, nachts angenehm warm

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