Tag 8: Von Martuni nach Agarak, Rallye-Mode: ON

Heute ist einer dieser Tage, die eine solche Reise ausmachen. Dazu gleich mehr.

Der Tag beginnt – ohne Frühstück. Unsere Herbergsmutter hatte sich geweigert, vor 10.00 Uhr Frühstück zu machen. Naja, auf dem Weg wird sich schon etwas finden. Unser Weg führt zunächst weg vom Sewansee hinein in die weite Gebirgswelt Armeniens. Wow, Landschaft haben sie hier mehr als reichlich. Das Land ist sehr dünn besiedelt und wenn überhaupt, dann extensiv landwirtschaftlich genutzt. Nur ab und zu sieht man einen Hirten mit einer Herde Kühe über die sanften, eher versteppten Hügel ziehen.
In einer der nächsten Ortschaften finden wir eine kleine Frühstücksbodega. Der jugendliche Schankwirt serviert extrem leckere, mit Kartoschka gefüllt Teigtaschen, dazu ‚leicht‘ gezuckerten Kaffee. Brrrrrrr. Jetzt, mit wieder aufgefülltem Koffeinspiegel, kann die Reise weitergehen, weiter immer weiter durch die schier endlose Landschaft Zentralarmeniens. Mir kommt wieder das Zitat des saarländischen Dachdeckers in den Sinne, das da heißt ‚vorwärts immer, rückwärts nimmer‘. 🙂
Hinter der nächsten Kurve schmiegt sich die holperige Landstrasse schnurgerade bis an den Horizont in die sanften Hügel. Es ist wirklich atemberaubend schön hier oben. Im nächsten Moment kreutz eine Herde Kühe die Strasse und zwingt uns zum Anhalten. Kaum ausgestiegen steht der Hirte, eher ein Cowboy in kunstvoll gefertigten Pantoffeln, auf dem Pferd neben uns. Die angebotene Zigarette nimmt er gern und läßt im Gegenzug Josch auf seine gutmütige Stute aufsitzen. Wunderbare Bilder, der Bilderrahmen erfüllt seinen Zweck.
Heute soll es noch bis Agarak gehen, direkt an die iranische Grenze. Dort wollen wir morgen früh Hussein treffen, der uns bei der aufwändigen Grenzprozedur unterstützen wird. Wir liegen so gut in der Zeit, dass wir eine ausgiebige Mittagspause in Goris einschieben. In einer kleinen Grillstation bekommen wir ein herrliches Kebab mit Brot, Salat und Kartoffeln. Wir pumpen einen der vielen mitgebrachten Fußbälle auf und machen damit die Kinder der Köchin glücklich. Carsten ist satt und glücklichm, die Reise kann weitergehen. Bis jetzt sind wir in Armenien die ‚roten‘ Strassen gefahren; Zeit das zu ändern. Wir suchen uns in der Karte eine schicke gelbe Piste aus und stechen westwärts in die Berge. Rallye-Mode: ON. Schon nach wenigen hundert Metern werden wir durch eine fiese Buckelpiste belohnt. Strasse? Nein, so kann man das, was vor uns liegt, nicht bezeichnen. Löcheriger Feldweg passt eher. Jetzt müssen die Autos zeigen, was sie können. Mehrfach knallt es laut, wenn Carsten mit dem Blech, das Cord zur Sicherung der Ölwann unter die Autos geschraubt hat, auf Felsbrocken trifft. Bei Cord und Josch läuft ‚Riders on the Storm‘ in voller Lautstärke. Ach was ist das schön.

Über gefühlt ein paar Stunden zieht sich die Offroad-Strecke durch die Berge, bis wir wieder ‚festen‘ Boden unter den Füßen haben. Vor uns erscheinen plötzlich zwei Radfahrer, Deutsche, wie sich herausstellt. Wir fahren neben den beiden 21zig jährigen Jungs her und erfahren, dass sie unterwegs nach Teheran sind. Zähe Burschen! Beide waren im letzten Jahr auf dem Pamir-Highway – auch mit dem Fahrrad. Mehr als nur ‚RESPEKT‘. Sie erzählen, dass sie gerade unterwegs sind zur weltweit längsten Seilbahn, vier Kilometer voraus. Da wären wir glatt dran vorbeigefahren. So aber nehmen wir dieses Highlight gern mit und bestaunen die 10 Kilometer lange Kabelbahn. Die Radler kommen kurze Zeit nach uns an und wir kommen mit den beiden Helden ins Gespräch. Wirklich tolle Typen. Gestern, während des Gewitters, haben sie Todesängste ausgestanden. Sie zelteten neben einem Hochspannungsmast, in den laufend die Blitze einschlugen. Wir hatten glücklicherweise ein Dach über dem Kopf.
Als wir weiterfahren wechselt die Strasse schnell wieder ihr Gesicht. Auf perfekt geteerte Landstrasse folg eine hammermäßiges Schlagloch-Festival. Cord ist ‚im flow‘ und läßt die Zügel bei Clyde locker. Der Wagen fegt wie ein blauer Blitz in einer großen Staubwolke über diese anspruchsvolle Strecke. Carsten kommt kaum hinterher.
Um ihn wieder aufschließen zu lassen, hält Cord im Nirgendwo an einer kleinen Bude an. Und hier zeigt die Rallye ihr wahres Gesicht: Erst kommt ein Dorfbewohner, dann der zweite und der dritte. Wir bekommen vom Ladenbesitzer ein Bier in die Hand gedrückt, revanchieren uns mit mitgebrachten Cohibas. Schnell kommt ein lustiges Gespräch zustande, das wir mit Händen und Füßen und mit den paar Brocken Russisch führen, die ich noch aus dem Studium parat habe. Spätestens als einer unserer neuen Freunde den Slogan ‚Druschba e Mir‘- Frieden und Freundschaft – auf unserem Auto liest, ist das Eis mehr als gebrochen. Wir sind jeder auf seine Art voneinander begeistert. Nachdem wir gegenseitig unsere ‚Maschinas‘, Autos, bestaunt haben, lädt uns der Ladenbesitzer zu sich nach Haus, gegenüber vom Laden, zum Kaffee ein. Von wegen Kaffee: Seine Frau tischt auf, was die Küche zu bieten hat. Erst gibt es für die Beifahrer 70%igen Vodka, der sich brennend seinen Weg in die Magengegend sucht. Danach gibt es zum Kaffee frisches Brot, das mit selbstgemachtem Käse, Pellkartoffeln und Peperoni gefüllt wird. Danach kommen noch Gurken, dann Frischkäse und Butter auf den Tisch. Und obwohl Josch und ich deutlich ablehnen, werden die Gläser wieder und wieder mit dem gleichwohl leckern wie teuflischen Vodka gefüllt. Dabei gehen die Hand-/Fuß-/Brockenrussisch-Gespräche mit Druum, Jerba und Stipan, so heißen der Gastgeber und seine beiden Freunde, weiter.
Was für eine Gastfreundschaft, wir können uns kaum von einander trennen. Diese Menschen hier oben leben in sehr ärmlichen Verhältnissen – und doch teilen sie alles und man sieht ihnen an, wie glücklich sie das macht. Das zu erleben, DAS ist das Herz dieser Rallye.

Beseelt von dieser außergewöhnlichen Begegnung setzen wir unseren Weg fort. Während Carsten und Cord weiter Serpentinen bezwingen müssen Josch und ich satt und reichlich duselig im Kopp erstmal die Augen zumachen. Die letzten hundert Kilometer bis zur Grenze geht es durch immer schrofferes Felsengebirge. Über den letzten Pass auf über 2.500 Metern Höhe geht es dann hinunter zur iranischen Grenze. Nach einem Blick auf die Grenzanlagen, die wir morgen passieren müssen, suchen wir uns eine Hererge für die Nacht. Wir trinken vor der Tür noch die letzen Alkoholreserven, denn im Iran gilt absolutes Alkoholverbot. Und obwohl wir verschließbare Tarnkanister mitgebracht haben, wollen wir nichts riskieren. Ich schreibe noch schnell diese Zeilen auf, dann heisst es um 01.00 Uhr ‚Licht aus‘.

Bonnie&Clyde: Bonnie hat eine Schraube locker, der Dachgepäckträger klappert
Stimmung im Team: Das Beste, was auf einer Rallye passieren kann…
Kilometer: 350
Wetter: Wir haben die Wolken scheinbar hinter uns gelassen

2 Antworten auf „Tag 8: Von Martuni nach Agarak, Rallye-Mode: ON“

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