Tag 7 – Von Tiflis nach Martuni; Crewchange

Heute ist Crew-Change und der Tag beginnt gemächlich. Entgegen der Ankündigung gibt es im Hotel kein Frühstück. Blöd! Zum Glück hat Cord schon mal den ersten Kaffee von der Strasse besorgt.
Im Frühstücks-Cafe, das wir dann aufsuchen, ist Schmalhans Küchenmeister. Ein Croissant, ein Kaffee, fertig.
Viel mehr Glück haben wir, als wir zu der Unterkunft fahren, in der Josch heute Nacht nach seinem Flug über Warschau untergekommen ist. Fabrika Tblisi – eine echte Empfehlung für jeden Reisenden – ist ein Hostel, das in einer ehemaligen Fabrik recht zentral in der Innenstadt liegt. Das typische junge Backpacker-Klientel prägt hier das Bild. Während wir darauf warten, das Josch ausgeschlafen ist, nehmen wir hier das zweite Frühstück. Es gibt eine riesige Auswahl lokaler und internationaler Leckereien vom Buffet.
Und dann kommt ein sehr entscheidender Moment – wir halten endlich unsere Reisepässe mit den sooo wichtigen Visa in der Hand. Was ich mich vorher hier im Blog nicht zu schreiben traute: Die Beantragung und Ausstellung der Visa für den Iran, Turkmenistan und Usbekistan war eine auf Kante genähte Geschichte, die bis zum letzten Moment spannend war. Ich hatte den Visumprozess recht spät begonnen und durch Urlaubszeit und die muslimischen Feiertage in den Botschaften dauert das Ganze viel länger, als gedacht. Zu lange: Statt zum Start der Reise wurden die Visa erst am 07.September fertig. Just in time – danke Josch, dass Du die Dokumente aus Berlin abgeholt hast! Wenn das nicht geklappt hätte, dann wäre mein Heimweg auf andere Weise fällig gewesen: Cord hätte mich mit dem Bobby-Car hinter dem Auto hergezogen.
Ach ja – Crewchange: Heute steigt Stefan aus und Josch steigt, gerade in Tiflis angekommen, ein. Stefan, der die erste Woche der Rallye mitgemacht hat, nimmt noch ein heiße Nacht im In-Viertel mit, bevor ihn der Flieger in aller Herrgottsfrühe gen Heimat bringt. Kopf hoch, Bruder!

Und weiter geht’s, gegen Mittag raus aus der Hauptstadt durch den Süden Georgiens gen Armenien. Wir passieren eine eher unwirtliche Gegend, die ihre Bewohner mehr schlecht als recht zu ernähren scheint. Vor der armenischen Grenze kommen wir an Duzenden Strassenhändlern vorbei, die ausschließlich Waschmittel in großer Zahl und Menge feilbieten. Ob der Armenier ein Reinigungsproblem hat?
Die Grenzüberquerung ist diesmal etwas aufwändiger. Die Ausreise aus Georgien geht noch relativ fix. Für die folgende Einreise nach Armenien müssen dann eine Reihe von Formalitäten erledigt werden. Nachdem Fahrer und Beifahrer von einander getrennt werden, werden zunächst die Fahrzeuge kontrolliert. Anschließend müssen wir für die Fahrzeuge eine Ökosteuer entrichten, um danach die Zollpapiere ausstellen zu lassen. Die uniformierte junge Zollbeamtin ist nicht nur hübsch, sie spricht erstaunlicherweise auch noch perfekt Deutsch. Zuletzt müssen wir noch eine zusätzliche Versicherung für Bonnie und Clyde abschließen. Der Versicherungsvertreter, im Hauptberuf anscheinend Ziegenhirte, erklärt uns dann ulkigerweise, dass Werder Bremen vor 15 Jahren deutscher Meister war.

In Armenien ändert sich dann das Landschaftsbild dann schlagartig, als wir entlang der aserbaidschanischen Grenze die Höhenzüge des Kleinen Kaukasus erklimmen. In einer kleinen Grillstube am Strassenrand bekommen wir herrlich leckeres Kebab, das in dünnes Brot gewickelt ist. Ein paar junge Armenier interessieren sich für uns und unsere Reise. Auf den selbstgebauten Dachträgern unserer Boliden prangen die Nationaflaggen sämtlicher Länder, die wir durchreisen. Stein des Anstoßes für die jungen Männer sind die Flaggen von Aserbaidschan und der Türkei. ‚Nix gut, nix gut‘ geben sie uns zu verstehen und entfernen die Aufkleber mit Gejohle. Man bekommt einen Eindruck davon, welcher Zündstoff hier im südlichen Kaukasus unter der Oberfläche verborgen liegt. Auf der Karte erkennen wir die umstrittenen autonomen Regionen Berg-Karabach und Nagorni-Karabach rechts und links unserer Strecke am Horizont.

Als dann die Dämmerung hereinbricht und die Strasse eher einer Buckelpiste gleicht, ist es wieder soweit: Die Gewitterzelle hat uns erneut eingeholt. Diesmal ist es richtig heftig: Zu dem schweren Regenschauer gesellt sich heftiger Hagel, der als dicke Schicht auf der Piste liegen bleibt. Der Verkehr kommt stellenweise zum Erliegen; und doch gibt es immer noch Verrückte, die in halsbrecherischer Weise die Gegenfahrbahn zum Überholen nutzen. Eigentlich wollten wir heute am See unser Zelt aufschlagen, was jedoch buchstäblich in’s Wasser fällt. Nagut, dann machen wir noch ein paar Kilometer und suchen uns dann ein Hotel. Da unser mobiler Internet-Zugang hier in Armenien leider nicht funktioniert, müssen wir die Unterkunft auf traditionelle Weise suchen. Im Ort Martuni, der auf der Landkarte einigermaßen groß ausschaut, versuchen wir unser Glück. In einem Restaurant erklärt man uns den Weg zum Hotel. Dort angekommen stehen wir vor einem fünfstöckigen Wrack das vollständig unbeleuchtet ist. Mit der Taschenlampe des Handys finde ich einen Eingang. In einer kleinen Bude sitzt ein alter Mann hinter einer Kerze in der sonst finsteren Lobby. Er bedeutet mir, dass er in einer Viertelstunde herrichten könne. Der Laden ist aber so abgeschmackt, dass ich lieber den Rückzug antrete. Nach einer weiteren Weile des Umherirrens werden wir gegen 21:00 Uhr doch noch fündig. Eine kleine Bodega bietet uns zwei erstaunlich charmante Zimmer für zusammen 25€ an.
Da es noch früh und der Weinschlauch noch gut gefüllt ist, setzen wir uns bei guter Musik aus Clyds Boxen noch ‚auf ein Glas‘ zusammen.
Mit genügend Rotwein im Magen und Bettschwere in den Gliedern heißt es gegen Mitternacht ‚Licht aus‘.

Bonnie&Clyde: Treue Begleiter auch im schlimmsten Hagelsturm
Stimmung im Team: Einer muss heute nach Haus, schade
Kilometer: 350
Wetter: Tagsüber warm, über den Rest reden wir nicht…

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