Tag 3: Viseu de Sus nach Pitesti

Aufwachen und erst einmal orientieren. Wo bin ich überhaupt? Ach ja, mitten im nordrumänischen Urwald an der ukrainischen Grenze.
Die Nacht war wieder kurz, denn um 07.00 Uhr wird uns der Zug wieder talwärts fahren. Der Rallyetroß ist heute morgen wortkarg. Der ein oder andere hatte gestern Abend zu tief in das Glas mit einheimischen Getränkespezialitäten geschaut. Erstaunlich, dass Hans-Jürgen aus dem Harz überhaupt den Weg zum Zug gefunden hat.
Das Packen unserer sieben Sachen dauert einen Moment. Die geheimnisvolle Verpackungs-Mechanik der jetzt feucht-klammen Wurfzelte erschließt sich auch beim wiederholten Einpacken nicht wirklich.
Im Zug, der heute von einer dieselbetriebenen Lok bergab gezogen wird, gibt Frühstück. Ganz liebevoll haben Uli, Brigitte und ihre rumänische Hilfe Ingrid schon in der Nacht Sandwiches für alle zubereitet. Dazu gibt es Kaffee und Tee. Wie im Flugzeug schieben sich Brigitte und Ingrid mit den Köstlichkeiten durch die Sitzreihen der müden Karawanisten.
Gegen 09:00 Uhr – auch die Talfahrt dauert annähernd zwei Stunden – kommen wir an der Ausgangsstation am Bahnhof von Viseu de Sus an. Erstaunlich, wie viele Touristen jetzt schon auf die Fahrt in die Berge warten. Nach einem herzlichen Abschied machen wir uns auf den Weg Richtung Süden. Die meisten Rallyteilnehmer werden wir ab jetzt nicht mehr sehen. Zu unterschiedlich werden die Wege in den kommenden Wochen sein. Apropos kommende Wochen. Stefan ist jetzt angefixt, der Rallye-Virus hat ihn gepackt. Es nervt ihn jetzt schon, dass er die Reise nicht zu Ende fahren wird. Herzlich Willkommen, Stefan, das hier war nicht deine letzte Rallye-Reise. 😀

Unser Ziel heute ist die Transfogarasche Hochstraße, oder kurz Transfagasaran. Wir wollen mal schauen, wie die koreanischen SUVs diese serpentinenstrotzende Passstrecke bewältigen. Um dorthin zu gelangen, müssen zunächst Siebenbürgen über Cluj und Sibiu durchqueren. Am Morgen windet sich der Weg noch durch die dornröschen-verschlafenen Dörfchen, in denen die Alten schon früh auf ihren Bänken vor den Häusern sitzen. Ein altes Mütterchen hat sich ihre fetten Gans zur Gesellschaft an die Seite geholt. Mittags nehmen wir ab Cluj die Autobahn Richtung Sibiu. Hier sehen wir ein ganz anderes Rumänien, eines im Aufbruch gen Europa.

Nachdem wir die boomenden Industriegebiete von Sibu, in den sich deutsche Automobilisten breit machen, verlassen haben, wird es wieder ländlicher. Am Horizont taucht das imposante Gebirgsmassiv auf, das wir heute noch bezwingen wollen. Transfagasaran – was füe ein Zungenbrecher – ist eine 150km lange, im zentralen Abschnitt alpine Passtrasse, die die Große Wallachei (wieder etwas gelernt) im Süden des Landes mit Siebenbürgen und Transsilvanien im Norden verbindet. Vor der Einfahrt in die kurvige Serpentinenstrecke werden die elektronischen Gerätschaften zurechtgelegt, um die Fahrt auf dieser nervenkitzelnden Strecke angemessen in Film und Foto festzuhalten. Dann mal los.

Die Strasse ist erstaunlich gut ausgebaut, kein Unterschied zu den alpinen Pässen in Österreich oder der Schweiz. Das hätten wir so nicht erwartet. Wir sind zwar ziemlich spät dran – den Berichten zu Folge müsste man nahezu einen ganzen Tag einplanen – aber wir sind ganz und gar nicht allein auf der Strecke. So bleibt es bei einem gemütlichen Kurvencruising vor beeindruckender Bergkulisse. Schon nach einer guten Stunde voller Haarnadelkurven kommen wir auf der baumlosen Passhöhe an. Der Höhenmesser zeigt deutlich über 2.000 Meter an – zum Ende der Reise soll es im Pamir dann doppelt so hoch gehen. Oha.
Von dem imposanten Blick hinunter in’s Tal mit der sich schlängelnden Strasse fertigen wir reichtlich Fotomaterial an. Noch vor ein paar Tagen haben hier Peter und Darius gestanden, die mit dem Team NoLimitz auf der BalkanExpress-Rally diesen Pass auf zwei Rädern genießen konnten (Grüße nochmal an dieser Stelle).

Nach kurzer Rast satteln wir die Pferde und machen uns gegen 19.00 Uhr auf den Weg weiter nach Süden. Wir wollen mindestens noch aus dem Tal heraus und dann einen Platz für die Nacht suchen. Wir schaffen es sogar bis Pitesti – aber an Zelten ist nicht zu denken. Ein schweres Gewitter zieht von Westen aus den Bergen herüber. Ok, Planänderung. Schnell über das bevorzugte Online-Portal ein Dach über den Kopf und ein Bett für die Nacht organisieren. Klappt. Für 15€ die Nacht inkl. Parkplatz und Dusche — und ein Restaurant soll es auch geben. Schon wieder Duschen – das ist ’ne wahre Luxus-Rally.

Im Agora Guesthouse, das idyllisch direkt an der vielbefahrenren Schnellstrasse liegt, ist das Restaurant schon geschlossen. Nach ein paar aufmunternden Worten wirft Irina die Küche doch noch mal an. Es gibt Huhn, Salat, Brot, Pommes und ein paar Dosen leckeres Ursus-Bier. Für zusammen 25€ sind wir nach diesem üppigen Mahl mit der richtigen Bettschwere ausgestattet. Nicht auszudenken, wenn wir jetzt draußen im Zelt schlafen würden. Draußen zieht ein heftiges Gewitter durch das Tal.

Bonnie&Clyde: Servolenkung knört bei beiden Fahrzeugen
Stimmung im Team: Anstrengend, aber prima
Kilometer: 533
Wetter: Das Tiefdruckgebiet verfolgt uns, abends hefiges Gewitter

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