Tag 23 – Pamir, Pamir, Pamir – bis nach Afghanistan

Mitten in der Nacht ist der Strom wieder da – plötzlich war es taghell in unserem kleinen, russisch-barocken Zimmer. Erschrocken drehe ich mich wieder um und schlafe genüsslich bis halbacht. Duschen geht nicht. Gestern war der Strom weg, heute das Wasser.

Zum Frühstück gibt es zwei Spiegeleier für jeden, großes Kino. Gestern schon hatte der Hotelier, der gut deutsch spricht, begierig auf unsere dritte Autobatterie, die eigentlich bei meiner Schwester in Deutschland bleiben sollte, geschielt. Zusammen mit ein paar weiteren überzähligen Utensilien verschachern wir das Ding für einen guten Kurs an den guten Mann. Klasse, jetzt sind wir wieder flüssig und können die Autos an der Tankstelle von Murgab volltanken. Muss auch sein, denn als erstes wollen wir heute eine kleine Exkursion an die chinesische Grenze machen. Die liegt 100 Kilometer entfernt hinter dem Kulma-Pass, den bisher wohl noch kein Team der Tajik-Rally passiert hat. Grund genug, da mal hin zu fahren.
Die Strecke dorthin ist – sagen wir mal – anspruchsvoll. Eine Orgie aus Schlaglöcher auf einer Art Feldweg aus einem Teer-/Schotter-Gemisch, auf der außer uns niemand unterwegs ist. Neben dieser Piste verlaufen ein paar verlockende ‚Nebenstrecken‘ durch den losen Sand dieser wüstenähnlichen Gegend. Runter von der Piste und hinein in das Vergnügen. Cord will sich austoben und tut das auch. Er läßt die 145 Pferde unter Clydes Haube von der Leine und fliegt in einer grandiosen Staubwolke dem Horizont entgegen. So geht Rallye!

In diesem Nichts taucht hinter der nächsten Kuppe eine Herde Yaks auf, die wir in freier Wildbahn noch nicht gesehen hatten. Kaum zu glauben, wovon sich die Tiere in diesem endlosen Nichts ernähren können. Unvermittelt verwandelt sich die Piste in eine astreine Teerstrasse; ein Schild am Strassenrand verkündet auf englisch ein Bauprojekt, das bis zum Jahr 2002 abgeschlossen sein soll. Ein paar Kilometer weiter ist der ulkige Spuk wieder vorbei – es geht auf dem Feldweg weiter, bis wir, weit vor Pass und Grenze, an einem Zaun stehen. Hier lassen die tadschikischen eigentlich keinen mehr durch, doch Cord und Josch reden so lange auf die Jungs ein, bis sie uns durchlassen. Nach weiteren 30 Kilometern und der Überfahrt über den Kulma, 4.350m, stehen wir tatsächlich an der chinesischen Grenze. Ein paar handvoll Lastwagen stehen davor und warten auf Abfertigung, mehr passiert hier nicht. Wir wollen ja auch nur mal schauen, und der Blick ist tatsächlich auch grandios: Im Hintergrund türmen sich die schneebedeckten Kuppen des felsigen Gebirges auf über 7.500 Meter. Auf dem Rückweg üben wir noch reichlich das Cruisen auf den ‚Nebenstrecken‘ und halten das in ein paar seeehr coolen Fotos und Videos für die Lieben daheim fest. 🙂
Der Weg führt zurück nach Murgab und wir tanken noch einmal unsere Koreaner auf und spendieren ihnen dazu eine leckere Pulle Öl. Tankwart und Tankstelle sind echte tadschikische Originale. Getankt wird aus hoch gelagerten Blechtanks in Kanister – um die Menge zu bestimmen – und von dort in die Autos. Das Öl kaufen wir auf dem ‚Basar‘ von Murgab, der aus einer Gasse zwischen mehreren Duzend Schiffscontainern besteht, aus denen heraus alle erdenklichen Waren feilgeboten werden.
In einem dieser Container essen wir einen hervorragenden Eintopf mit leckeren, in Öl gebratenen Kartoffeltaschen. Frisch gestärkt geht es Richtung Süden, wir wollen bis zum Sonnenuntergang noch ein gutes Stück Pamir-Highway schaffen. Kurz hinter Murgab werden wir noch einmal von Grenzpolizisten kontrolliert. In diesen Teil des Pamir kommt man nur mit einem speziellen Visum, das wir zum Glück vorweisen können. Bei einer Pinkelpause treffen wir zufällig Markus wieder, den wir schon an der kirgisisch-tadschikischen Grenze kennen gelernt haben. Markus ist mit seinem Hund schon seit Monaten allein im Auto unterwegs – ein Lebenskünstler. Wir verabreden uns, einen Teil der südlichen Pamir-Strecke, die bis an die afghanische Grenze führt, gemeinsam zu fahren. Bald zweigt dieser Teil des Pamir-Highways von der bisher gut ausgebauten Straße ab. Vor uns liegt ein weiterer Pass, der nicht ohne ist. Schlaglöcher und dicke Steine machen die steile Strecke, die sich abwechselnd bergauf und bergab windet, zu einer echten Herausforderung. Wir sind den ganzen Tag schon auf über 4.000 Metern Höhe unterwegs, da ist jeder weitere Höhenmeter eine zusätzliche Belastung. Die uns umgebende Landschaft belohnt uns aber ein ums andere Mal. Immer wieder neue Gesteinsfarben und -formen, an denen man sich nicht satt sehen kann.
Die Pass-Straße – ok, Piste – windet sich bald nur noch bergab und es geht: In Richtung afghanische Grenze mit Blick auf den Hindukusch. Jaja, dieses sagenumwobene Gebirge, in dem sich der Taliban versteckt hält und der Russe sich weiland eine blutige Nase holte. Und da fahren wir jetzt hin. Es wird langsam dunkel und wir wollen uns einen geeigneten Zeltplatz suchen. Nicht wie in Europa, mit Dusche und WC; hier wird man anspruchsloser: Ein einigermaßen waagerechtes Stück Land ohne Steine wäre schon nett. Markus will im Auto schlafen, wir in den Zelten. Kurz bevor es dunkel wird, passieren wir noch einmal eine Kontrollstation. Diesmal sind es Grenzer die direkt vor der afghanischen Landesgrenze stehen. Einige hundert Meter weiter sehen wir den afghanischen Posten im Licht des aufgehenden Mondes.
Einige Kilometer weiter finden wir endlich einen passenden Platz für unser Nachtlager. Direkt neben der staubigen Piste bauen wir unsere Zelte hinter den schützend geparkten Autos auf – es ist stockfinster und mit der Dunkelheit kommt auch die Kälte. Heute Nacht müssen unsere Schlafsäcke zeigen, was sie können, die Temperatur soll unter dem mondklaren Himmel weit unter den Gefrierpunkt fallen…
Vor dem Schlafengehen gibt es im Licht der Biwak-Funzel noch eine in heißem Wasser aufgelöste ‚Kippensuup‘ aus niederländischem Armeebeständen. Dazu ein paar Scheiben kirgisische Mettwurst: Gar nicht mal schlecht. Zitternd vor Kälte geht es dann schon gegen 21.00 Uhr in den klammen Schlafsack, auf Luftmatratze ohne Luft.

Bonnie&Clyde: Der Dachträger wird jetzt nur noch vom Spanngurt gehalten, alle Verschraubungen gebrochen; wenn es klappert, ist er noch da – sagt Carsten
Stimmung im Team: Pamir, Kulma, Hindukusch, Zelten unter sternenklarem Himmel – Herz, was willst du mehr
Kilometer: 390
Wetter: Tagsüber wolkenlos und heiß, nachts verdammt kalt

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