Tag 20 – Von Rot-Front an das Ende der Welt

Heute wird die Rallye zur echten Rallye!
Nach dem Gewaltmarsch in den Bergen gestern beginnt der heutige Tag gemächlich. Frühstück, Duschen, Sachen packen. Die richtige Streckenwahl für heute Richtung Süden ist nicht ganz klar. Über die Hauptstadt Bischkek durch den stockenden Verkehr oder lieber außen herum über eine attraktive Bergstrecke. Dann doch lieber hübsch durch die Berge. Google Maps schlägt eine Strecke vor, die für die rund 500 Kilometer bis zur Bezirksstadt Osh, dem Tor zum Pamir, 12 Stunden ausweist. Ok, das werden wir nicht in einem Zug schaffen. Nicht so schlimm, wir liegen ja immer noch sehr gut in der Zeit. Bevor wir uns von Petrus Familie verabschieden, schenkt Cord den Jungs noch zwei Bälle. Sie sind überglücklich und spielen sofort auf der abschüssigen Pferdewiese Fussball.
Hupend verlassen wir diesen wunderschönen Ort in den Bergen. Wer immer den Weg nach Rot-Front auf sich nimmt, sollte Heinrichs Berghütte auf dem Zettel haben.

Wir nehmen zunächst die Straße Richtung Tokmok, einer Stadt, in der ebenfalls noch etliche deutsche Familien wohnen. Kurz hinter der Stadtgrenze ereilt uns das nächste ‚Blitzer-Schicksal‘: Wir sind wieder mal fällig. Ja, wir sind schnell gefahren – aber es ist nicht ersichtlich, wo die 40er Zone aufhört. Großer Mist. Großer Mist auch deshalb, weil uns eine halbe Stunde später noch einmal das Gleiche wiederfährt. Diesmal habe ich mich einigermaßen genau an die Geschwindigkeitsbegrenzung gehalten – nutzt nix. Wieder 25€ fällig. Mir reicht es jetzt wirklich langsam. Vor ein paar Tagen hatte ich noch geschrieben, dass wir so viel Glück hatten und die lokale Polizei in den verschiedenen Ländern uns nicht nachgestellt hat. Nun sind wir hier in Kaschstan und Kirgistan zum vierten oder fünften Mal wegen Geschwindigkeitsübertretung angehalten worden. Hinz kommt, dass heute die Geldstrafen allesamt nicht in der Staatskasse gelandet sind…
Wir haben auch nicht wirklich erklärt bekommen, wie viel zu schnell wir gefahren sind und ein Protokoll oder eine Quittung gab es natürlich auch nicht. Nun gut. Cord hatte vor der Reise geschätzt, dass wir eine Handvoll solcher ‚Vorfälle‘ haben würden – und er hat Recht behalten.
Den Rest des Tages fahren wir streng nach Vorschrift; wobei meist nicht klar ist, was genau die Vorschrift ist.
Die Landschaft um uns herum ist wieder einmal wunderschön. Sanfte, mit grün-braunem Gras bewachsene Hügel vor schroffen Gebirgsmassiven, die oben schneebedeckt sind. Die Strasse ist super in Schuß, zweispurig auf jeder Seite und mit bestem Teer belegt. An einer Stelle passieren wir einen kleinen Militär-Konvoi. Es sind Russen. Ein wenig erstaunlich ist das schon in der unabhängigen Republik Kirgisistan.
Bald danach müssen wir laut Karte rechts ab, von der roten auf eine gelbe Strasse, die über eine Passhöhe führen soll. Hier wird die Landschaft noch eine Kategorie schöner, fast wie gemalt. Jetzt habe ich eine Vorstellung davon, was es bedeutet, wenn eine Landschaft als ‚malerisch‘ bezeichnet wird. Diese hier ist es – mit Abstand. Ein breites und sehr langes, leicht hügeliges Tal erstreckt sich vor uns, mit rechts und links den schroffen Dreitausendern dahinter. Auf diesen sanften Hügeln weiden unzählige große Herden von freilaufenden Rindern, Schafen und Pferden auf Wiesen, die in allen Nuancen der Farben grün, gelb, rot und braun daherkommen. Mehrmals kreuzen die von Hirten zu Pferd oder auf Eseln getriebenen Herden unseren Weg und wir müssen zwischen den Tieren stehenbleiben. Bilder für die Ewigkeit!

Die Piste ist nun zu einer echten Rally-Strecke mutiert. Der Schotter ist löchrig, schlammig und voller Pfützen jedweder Größe; die Autos bekommen so endlich eine rechte Rally-Patina. Höher und immer höher zieht sich der schmale Weg die Hügel hinauf, die hier mit den schneebedeckten Gipfeln zu verschwimmen beginnen. Vorhin hatten wir noch gefrotzelt, wie schön es wäre, den Schnee auf den Gipfeln anfassen zu können. Nun kommt die Schneegrenze langsam näher. Wenig später setzt Schneefall ein und um uns herum wird in kurzer Zeit die Landschaft weiß. Der Höhenmesser zeigt 3.000m Höhe an. Oha, und dann verschwindet die Piste unter Schnee und die Reifen verlieren langsam ihren Halt. Noch ein, zwei Kilometer, dann ist Schluß. Bonnie sitzt mit durchdrehenden Reifen auf dem schneeglatten Untergrund fest. Sommerreifen sind hier oben doch nur zweite Wahl. Nur mit gemeinschaftlichem Schieben geht es jetzt weiter – aber nur wenige Meter. Hier oben – der Höhenmesser zeigt 3.450 m – kommen uns zwei allradgetriebene Fahrzeuge entgegen, die uns zum Umkehren raten, der Schnee würde noch tiefer werden. Mit einem Allemann-Manöver bekommen wir die Autos gedreht und kutschern den 30 Kilometer langen vermatschten Feldweg gut gelaunt zurück. Bis auf das ‚Umkehrenmüssen‘ ist die ganze Aktion ein Riesenspaß.
Auf dem Rückweg schießen wir ein Unzahl großartiger Bilder der malerischen Landschaft, die allesamt Poster-Charakter haben.Am Abzweig nehmen wir dann die rote Strasse und erkennen, dass die eben gefahrene Strecke doch eine auf der Landkarte weiss markierte war. Ok, es war den Versuch wert.

Weiter geht es bis in die Stadt Naryn, wo es für alle eine warme Mahlzeit in einem kleinen Imbiss gibt. Pelemeni und so etwas wie Döner. Lustigerweise treffen wir in diesem Laden noch zwei Münchner Jungs, die in einem in Bischkek geliehenen Jeep eine dreiwöchige Rundreise durch Kirgisien unternehmen. Interessante Möglichkeit. Anders als wir sind sie in den vergangenen zwei Wochen mit ihrem einheimisch daher kommenden Fahrzeug noch in keine Fahrzeugkontrolle geraten.

Hinter Nardyn müssen wir nun endgültig auf eine gelbe Strasse abzweigen. Die ist zwar etwas schlechter ausgebaut, aber immer noch sehr gut befahrbar. Noch zweihundertfünfzig Kilometer auf dieser Strecke und wir sollen Jalal-Abad und dann Osh erreichen. Doch leider ist unser Kartenmaterial von dieser Gegend ungenau und widersprüchlich. Sowohl auf der Papierkarte als auch auf dem von google bereitgestellten Material stimmen Abzweigungen und Straßenverläufe nicht mehr. Nach ein paar Versuchen biegen wir auf eine angeblich gelbe Piste ein, die – entlang eines Flusses – die direkteste Verbindung in Richtung Osh sein soll.
Mittlerweile ist es dunkel geworden und die anfangs noch annehmbaren Pistenverhältnisse verschlechtern sich drastisch. Dicke Steine, tiefe Spurrillen, riesige Krater in der Piste – irgendwie scheint das hier keine echts Durchgangsstraße zu sein. An einer steinernen Brücke, deren Ende fast weggespült ist, endet unsere Etappe beinahe. Nur mit viel Mühe schaffen wir die Fahrzeuge einzeln über die bedenklich enge Stelle auf die andere Seite. Clyde verliert bei der Aktion einen seiner beiden Seitenschweller-Pipes und auch Bonnie bekommt eine Schramme.
Wenig später schauen wir bedröppelt aus der Wäsche – hier ist es nun tatsächlich zu Ende.
Der uns begleitende Fluß hat in einer weiten Schleife ausgeholt und die Piste und das ganze Ufer bis an den Bergrücken heran vollständig weggespült. Nach einer kurzen Erkundung ist klar: Hier endet unser Tag heute. Umdrehen macht in finsterer Nacht keinen Sinn und vor uns ist direkt die Abbruchkante. Na gut, dann bleiben wir eben hier. Flugs sind die Zelte und der Campingtisch aufgestellt. Bei einer Tasse Bier klönen wir noch ein wenig und sind dann früh in den Federn – ein leichter Regen hat eingesetzt.

Bonnie&Clyde: Seitenschweller verloren, Auspuff beginnt zu röhren
Stimmung im Team: Klasse, trotz der Strassenverhältnisse; verärgert über Abzocke
Kilometer: 620
Wetter: Sonne und abends leichter Regen

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