Tag 14 – Von Nukus zum Aralsee und zurück

Die Nacht ist wie immer früh zu Ende. Die Mannschaft hat mehr oder weniger viel Schlaf bekommen. Cord und Josch sind durchaus noch nicht auf Ballhöhe, gegen den Druck im Kopf wird kalt geduscht und das ‚Vitaminpräparat‘ Aspirin gereicht.
Im Frühstückssaal treffen wir die usbekischen Soldaten, bei denen die exzessive Feier, deren Ende erst wenige Stunden zurück liegt, erstaunlicherweise keine sichtbaren Spuren hinterlassen hat. Zum Frühstück gibt es Kaffee, Brot und Käse und endlich mal ein gebratenes Ei.
Das Auschecken aus dem Hotel wird nochmal zum Problem. Nur Visa oder Landeswährung werden akeptiert., wir haben Mastercard und Dollar und ein zwar dickes, aber nicht ausreichendes Bündel usbekischer Sum. Na prima. Also los, Geld tauschen in der Bank. Das geht zwar erstaunlich schnell, für den ausgehändigten Geldstapel benötigt man aber eine mittelgroße Tragetasche. Was für Papiermengen!
Nachdem wir dem jungen Hotelier die 568.000 Sum auf den Tresen gezählt haben, geht es los Richtung Aralsee. Zweieinhalb Stunden nordwestlich von Nukus entfernt liegt der Ort Moynak, der Zeugnis einer der größten ökologischen Katastrophen unserer Zeit ist. Noch vor 30 Jahren war der Aralsee mit der Größe Bayerns einer der größten Seen der Welt. Heute ist nurmehr eine größere, mehr oder weniger versalzene Pfütze davon übrig geblieben. Echt gruselig. Und in Moynak, einem ehemals blühende Ort, der von Fischfang und -verarbeitung lebte, liegen rostende Schiffswracks mahnend im Sand der versteppten Ödnis. Grund für diese irreparablen Ökokatastrophe ist der intensive Anbau von Baumwolle in Usbekistan, der die Zuflüsse des Sees trockenlegt. Die Herstellung eines T-Shirts verbraucht laut Wikipedia 2.000 Liter Wasser! Und wir kaufen verdammt viele T-Shirts, ohne die dahinter liegende Wirkungskette auch nur zu erahnen. Das weitere Problem hier ist die Versalzung, durch die die Ackerflächen nach einer überschaubaren Anzahl Ernteperioden unfruchtbar werden.
Von einem Aussichtspunkt, von dem aus man früher weit über den See blicken konnte, schaut man heute in eine bis zum Horizont reichende versandete Steppe.
Sprachlos verlassen wir diesen trostlosen Ort. Auf dem Weg halten wir an einer Bäckerei und kaufen Brot bei einem Bäcker, der vor unseren Augen die Teigwaren kunstvoll herstellt. In einem Lehmofen klatscht er die frisch hergestellten Backlinge von innen an die von einem Holzfeuer erhitze Ofenwand. Die Backlinge tragen einen Stempel von der Größe eines Handtellers und bezeugen damit die Kunst des alten Bäckermeisters. So lecker schmeckt die noch warme Backware nicht einmal zu Haus.

Auf dem gleichen Weg wie morgens fahren wir die knapp 200 Kilometer zurück Richtung Nukus. Christoph fährt voran und wir brauchen nicht einmal zwei Stunden bis zu unserem Ausgangsort, von dem aus wir am Morgen gestartet sind.
Doch die Geschwindigkeit hat ihren Preis. Auf einer Brücke werden wir geblitzt. Glück gehabt, die
Kontrolettis halten den Wagen nach uns an. Dieses Glück hält jedoch nur 8 Kilometer, denn an der nächsten Polizeikontrolle werden wir von grinsenden Polizisten aus dem Strom der Fahrzeuge gewunken. Ich werde aus dem Auto gewunken und mir wird Wortreich mein Vergehen erläutert. ‚Ja nesnaju russky yasik‘ – ich verstehe kein Russisch: Carsten hat mir beigebracht, dass man sich erstmal dumm stellen muss. Nützt aber nix, ich muss mit einem der Beamten zurück zu der Stelle fahren, wo wir geblitzt wurden. Die Fahrt dorthin ist eine reine Gaudi. Der Polizist findet es toll, in einem Rally-Fahrzeug zu sitzen und animiert mich, schneller zu fahren. So rauschen wir mit 100km/h durch die Vorstadt – Fenster runter und Musik laut. Er möchte gern gesehen werden und winkt seinen Freunden und Bekannten johlend zu. Ich bin total perplex. Für unser Vergehen – sie haben beide Autos tasächlich mit 70km/h statt der vorgeschriebenen 50km/h geblitzt – sollen wir 100$ pro Auto bezahlen. Nach einigem Verhandeln, dass unter Lachen und Feixen stattfindet, einigen wir uns auf 25$ insgesamt. Nach einer herzlichen Umarmung und Wünschen für eine sichere Weiterreise dürfen wir wieder los. Leider darf ich die Jungs nicht mit dem Bilderrahmen fotografieren. Diese Erinnerung muß ohne Bild im Kopf bleiben.
Als Fazit: Das war nach knapp 8.500 km die erste ernsthafte Auseinandersetzung mit der Polizei – und die war auch noch freundlich. Nix da mit Abzocke und Schmiererei; ich hatte das ehrlich gesagt anders erwartet.
Wir haben durch dieses Erlebnis leider eineinhalb Stunden verloren und können das Tagesziel, Buchara, leider nicht mehr erreichen. Nach weiteren zwei Stunden Fahrt durch eine wirklich eintönige Wüste wird es langsam stockdunkel. Wir fahren die schlaglochgespickte Piste zwar weiter, doch die Fahrerei wird langsam anstrengend und gefährlich. Nicht nur die Schlaglöcher bedrohen unsere Sicherheit, es gibt auch jede Menge schlecht- oder nicht-beleuchteter Verkehrsteilnehmer, die hier im Dunkeln noch todesmutig unterwegs sind.
Schweren Herzens brechen wir die Fahrt ab und suchen uns im nahegelegenen Urganch Quartier. Und wie es so ist, wenn man unterwegs ist: Durch Zufall finden wir eine geniale Unterkunft. Frau Rahman bietet privat ein Vierbettzimmer an, mit Frühstück, Dusche und Parkplatz für schmales Geld.
Als wir ankommen, kocht Oma Rahman auch noch ein Abendessen für uns. Cooler geht es nicht. Später kommen noch Sohn, Schwiegertochter und Enkel, um uns zu begutachten. So oft verirrt sich hierher kein Europäer. Carsten und Josch haben noch kühles Bier geholt. Und so geht der Abend bei lustigen Gesprächen gegen Mitternacht zu Ende. Wow, es gibt richtig gute Matratzen, die auf dem teppichbelegten Boden liegen. Wunderbar.

Bonnie&Clyde: Bonnie quietscht immer noch – ich bin skeptisch
Stimmung im Team: nachdenklich am Aralsee, dankbar bei Frau Rahman
Kilometer: 566
Wetter: stabil sonnig und ordentlich warm

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