Tag 10: Vom Stoppelfeld über Teheran an’s Kaspische Meer

Wenn mir jemand vor der Reise gesagt hätte, dass ich im Iran den Sonnenaufgang auf einem Stoppelacker erlebe…
Wir erwachen um kurz vor sieben, weil der erste Verkehr einsetzt. Die ersten Bauern fahren auf die Felder. Neben uns werden Kohl, Tomaten und Weintrauben angebaut. Der erste Blick aus dem Zelt, die Sonne geht gerade hinter den Hügeln auf. Die Welt um uns wird in ein erstes zartes Licht getaucht.
Während wird auf der Motorhaube das Frühstück bereiten, es gibt lecker Körnerbrot, Butter und Marmelade aus Bundeswehrbeständen, kommen die ersten Schaulustigen auf Mopeds vorbei. Carsten, der gerade Kaffee auf dem Feldweg kocht, bekommt Tomaten in die Hand gedrückt. Es ist wunderbar, wie freundlich uns die Iraner begrüßen, egal wo wir sind. Wir revanchieren uns mit einem nagelneuen Lederball und schießen das obligatorische Foto mit dem Bilderrahmen. Gelebte deutsch-iranische Freundschaft.
Zum Start unserer Tagestour cruisen wir über kleine Strassen durch die umliegenden Felder und Dörfer. Die Iraner scheinen fleissige Menschen zu sein. Schon früh am Morgen sind die Felder voller Menschen die die üppig wachsenden Feldfrüchte ernten. Bohnen, Tomaten, Pfirsiche, Gurken, und allerlei weitere Dinge hier in der weiten Ebene angebaut. Dann geht es auf die Autobahn Richtung Teheran. An einer Tanke suchen wir vergeblich nach ‚Free WIFI‘. Statt dessen bekommen wir – wie so oft auch hier geschenkt – vier Pfirsich-Biere. Und den Internet-Zugang gibt es dann doch: Einer der Tankwarte öffnet sein Handy als HotSpot für uns. Einfach große Klasse diese Menschen.
Wir erreichen Teheran gegen Mittag und umrunden zunächst das riesengroße Wahrzeichen der Stadt, den Milad-Tower. Wir machen Sightseeing aus dem Auto heraus, der Markt in der Altstadt ist das Gewirr an Einbahnstrassen kaum zu finden. Ok, dann erstmal Mittagessen. Wir suchen uns eine Häuserzeile aus, die mehrere Grillrestaurants beherbergt. Gleich der erste Laden ist unserer. Sofort sind wir von zwei, drei Kellnern umringt. Einer zeigt uns, wie das Brot gebacken wird und fertig gleich mal eines in Herzform für uns. Wir lassen uns auf dem obligatorischen Podest nieder. Nach der Tee-Zeremonie gibt es drei verschiedene Sorten gegrillte Fleischspieße, dazu Salat und Brot, in die die Zutaten eingewickelt werden. Wieder ist die Mahlzeit nicht nur üppig sondern auch unglaublich lecker.
Ein Wort zum Thema ‚Verschleierung‘. Wir haben auf der Strasse ein paar Frauen im langen schwarzem Tschador gesehen. Die meisten, die wir treffen, tragen jedoch nur ein Kopftuch, das in der Regel kunstvoll das Haar verhüllt. Hier im Restaurant sehen wir viele, hübsche junge Frauen, die einen sehr selbstbewußten und aufgeschlossenen Eindruck machen. Der strenge Gottesstaat, der der Iran wohl ist, muß woanders sein. Um uns herum zeigt das Land sich jedenfalls von seiner aus unserer Sicht besten Seite.
Nach dem Essen wollen wir mit dem Auto Richtung Altstadt. Ein nahezu hoffnungsloses Unterfangen. Ein Fiasko aus Einbahnstrassen hält uns fest umklammert und es gibt kaum ein Entrinnen. Immer und immer wieder führt der Weg nicht an das gewünscht Ziel. Als wir endlich ankommen, sind die Strassen sooo voll, das wir nicht den Hauch einer Chance auf einen Parkplatz haben. Fast wären wir in ein Parkhaus gefahren – aber nur fast. Denn unsere Aufbauten sind so hoch, dass wir die Autos nicht hineinbekommen. Kehrtmarsch. Wir entschließen uns, nun doch lieber an’s Kaspische Meer zu fahren. Muss man mal gesehen haben. Und mit etwas Glück können wir vielleicht am Strand schlafen.
Wir nehmen die Strecke durch die Berge, wo die Gipfel bis über 5.600 Meter hoch in den Himmel reichen. In dieser wieder einmal imposanten Berglandschaft sehen wir plötzlich mehrere Ski-Lifte! Wow, hier ist also das erste Skigebiet unserer Reise. Genau dafür führen wir ja unsere Bretter am Dachgepäckträger mit. Leider liegt die Temperatur hier oben auch noch bei annähernd 30 Grad – Carving also noch Fehlanzeige. Wir haben uns die hohen Temperaturen nach dem Drama mit dem Tiefdruck-Gebiet der ersten Woche ja gewünscht. Nur können wir sie in diesem Ausmaß jetzt nicht genießen: Bei Bonnie ist heute die Klimaanlage ausgefallen. Es wird langsam dunkel und plötzlic stehen wir mitten in den Bergen im Stau. Ene Baustelle verengt die Piste von drei auf eine Fahrbahn. Es ist so staubig, dass wir die Fenster kaum öffnen können und Bonnies Lüftung bläst heiß wie ein Fön. Männerschweiß.
Am Abend erreichen wir die Küstenstadt Balbosar, deren Strassen voller Menschen sind. Wir parken die Autos am Strassenrand und suchen nach einer Bodega, möglichst mit WLAN. Zufällig landen wir auf einem schönen Basar in den Hinterhöfen, auf dem noch spät abends reger Betrieb herrscht. Nebenan finden wir die Grillbodega, in der wieder leckere Fleischspieße serviert werden. Den Internetzugang bekommen wir freundlicherweise wieder einmal über das Handy eines Angestellten. Wir checken kurz die Whatsapp-Gruppe der Rallye und laden eine lokale Karte der Gegend herunter. Scheinbar gibt es einen Strand in der Nähe, zu dem wir uns mit den Autos aufmachen. Eine weitere Nacht im Zelt rückt näher. Nach kurzer Fahrt erreichen wir so tatsächlich den sandigen Strand des Kaspischen Meeres.
Wir sehen eine beleuchtete Bude und treffen dort zwei Männer. Mit der gewohnten ‚mit Händen und Füßen‘ Kommunikation erfahren wir, dass wir bei ihnen an der Hütte zelten dürfen. Besser geht es nicht.
Wir kommen mit den Jungs in’s Gespräch und bekommen – natürlich – sofort Tee serviert. Wir spendieren die Weintrauben, die wir am Vorabend bekommen haben. Und so sitzen wir mit den Beiden und zwei, drei weiteren auftauchenden Iranern bis spät in der Nacht auf den Teppich-belegten Podesten ihrer Bude. Wir verstehen wenig von dem, was der andere spricht und verstehen uns doch prächtig.
Erst kurz vor 2:00 Uhr sind wir in der Falle und lassen uns von den seicht rauschenden Wellen des Kapischen Meeres in den Schlaf schaukeln.

Bonnie&Clyde: Klimaanlage bei Bonnie ausgefallen
Stimmung im Team: Verliebt in die freundlichen Iraner
Kilometer: 650
Wetter: Sonnig, brüllwarm, nachts Wolken

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